Die Wahrheit über Al Alam und die Anschuldigungen gegen Wirecard

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    Tula, Russia - october 19, 2019: Logo Wirecard displayed on a smartphone near modern laptop on red background

    Das Jahr 2019 wird für Wirecard Aktionäre, wie für Wirecard Mitarbeiter als eines der schwierigsten überhaupt in die Unternehmensgeschichte eingehen. Nicht, dass es dem Unternehmen schlecht ginge oder dass man sich um abwandernde Kunden Sorgen machen müsste. Ganz im Gegenteil, das Jahr 2019 wird ebenfalls als eines der erfolgreichsten für Wirecard enden mit allein 16 neuen Großkunden in diesem Jahr, so viele wie man in der gesamten Unternehmensgeschichte zuvor nicht gewinnen konnte. Darunter sind weltweit bekannte Unternehmen, deren Partnerschaft andere Unternehmen vor Neid erblassen lassen würden. Schon eine einzige solche Erfolgsmeldung hätte bei jedem anderen Dax Unternehmen für Kurssprünge gesorgt, der Wirecard Kurs jedoch dümpelt auf dem Niveau von vor zwei Jahren herum, wenn man die immensen Schwankungen außer Acht lässt.  

    Trotz all dieser Erfolgen reichte ein einziger Artikel kritischer Artikel der Financial Times (https://www.ft.com/content/19c6be2a-ee67-11e9-bfa4-b25f11f42901) mit dem Titel „Wirecard’s suspect accounting practices revealed“ (aus, um all alles andere nichtig erscheinen und den Aktienkurs abstürzen zu lassen. Anstatt sich als Aktionär über die phantastischen Erfolge in diesem Jahr und den grandioses Ausblick der nächsten Jahre freuen zu können und jubelnd durch die Straßen zu rennen, führt jeder neue Tag zu bangen Blicken in die neuesten Medienberichte und auf den schwankenden Aktienkurs.

    Die Wahrheit ist so unspektakulär

    und so wenig medienwirksam, dass sich die Deutschen Medien und professionellen Journalisten kaum dafür interessieren. Mit Wörtern im Titel wie Skandal, Absturz, oder Betrug lockt man viel wirksamer verunsicherte oder skandalgierige Leser an als mit „Analyse der Excel Files, die die FT veröffentlicht hat“. Klingt einfach langweilig. Wir Menschen lieben Skandale, sie locken uns wie Motten das Licht. Wer schon einmal an einem brennenden Autowrack in einer Schlange mit Tempo 30 auf der Gegenseite der Autobahn entlanggefahren ist, weiß wovon ich rede.

    Glücklicherweise bin ich kein Journalist, sondern Wirecard Aktionär und muss daher nicht auf Klickzahlen achten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nichtsdestotrotz ist es Teil meines Jobs als Aktionär, mich für die Unternehmen zu interessieren, die ich interessant finde oder von denen ich Aktien besitze. Aus diesem Grund habe ich die folgende Analyse des FT Artikels durchgeführt.

    Analyse der Dateien, die die FT veröffentlicht hat und als Basis für ihre Anschuldigungen dienen

    Klug von der FT gewählt, steht im Zentrum des Artikels das Unternehmen Al Alam, ein Partnerunternehmen von Wirecard, über welches Wirecard über ein Lizenznetzwerk verfügen kann. Schon alleine der Name „Al Alam“ verbreitet Angst und Schrecken und verunsichert in einer Welt, in der fast hinter jeder Ecke ein Terrorist lauern kann. Mit Bedacht hat man auch nicht einfach Behauptungen unterstellt, sondern diese anfassbar und real gemacht, indem man echte interne Wirecard Dokumente hinterlegte und als Argumentationsgrundlage verwendete.

    Sind die Dateien echt und wie ist die FT überhaupt an diese internen Dokumente gekommen?

    Die Echtheit der Dateien wurde mir telefonisch durch die Investor Relations Abteilung von Wirecard bestätigt. Fraglich ist, wie die FT überhaupt erst an die Dateien gelangen konnte. Bisher habe ich keinen einzigen Zeitungsartikel oder Medienbericht gesehen, in dem diese Frage gestellt wurde, obwohl es eigentlich die erste Frage ist, die man sich stellen sollte. Immerhin handelt es sich um Geschäftsgeheimnisse, die Externen aus gutem Grund nicht zugänglich sein sollten. Auf Seiten Wirecards vermutet man, dass die Dateien durch einen Hack an die Öffentlichkeit gelangt sind.

    Die zweite Frage, die man sich vor diesem Hintergrund stellen sollte ist, ob es für eine „seriöse“ und bekannte Zeitung wie die Financial Times vertretbar ist, sich auf Dokumente zu stützen, die auf kriminelle Art und Weise erlangt wurden.

    Welche Aussagekraft haben solche internen Dokumente?

    Aus jahrelanger Erfahrung als Controller in vielen verschiedenen Unternehmen kann ich sagen, dass interne Dokumente eine sehr begrenzte Aussagekraft haben, weil:

    • sie keine offiziellen Dokumente sind, die in gleicher Art und Weise und mit gleicher Sorgfalt erstellt und gepflegt werden
    • sie oft als lediglich als Kalkulationswerkzeug dienen und sie keine relevanten Schlussfolgerungen zulassen
    • sie Szenarioanalysen enthalten können, die möglichen Szenarien darstellen, aber nicht die Realität wiederspiegeln müssen
    • sie oft unvollständig sind, nicht alle relevanten Daten enthalten, die Daten veraltet sind oder Fehler enthalten
    • aus verschiedenen Datenquellen und Systemen stammen können, die nicht miteinander abstimmbar sind und es deshalb Diskrepanzen gibt

    Wenn ich wollte, könnte ich seitenweise Gründe aufzählen, was aber zielführend wäre. Der Punkt ist hoffentlich klar geworden.

    Im Grunde kann nur ein absoluter Insider, der die Dateien selbst erstellt hat oder diese im Detail kennt eine sinnvolle Aussage darüber treffen, ob sie relevante Informationen enthalten.

    Internes und externes Rechnungswesen – aus gutem Grund getrennt


    Es gibt gute Gründe, warum man das interne vom externen Rechnungswesen unterscheidet. Während das interne Rechnungswesen Informationen für das Management liefert und Reports erstellt, die bei der Steuerung und Entscheidungsfindung helfen sollen, dient das externe Rechnungswesen als Informationsgrundlage für externe Adressaten. Diese völlig unterschiedlichen Zwecke erfordern völlig unterschiedliche Anforderungen. So unterliegen interne Dokumente beispielsweise keinen rechtlichen Beschränkungen, müssen aber steuerungsrelevante Zahlen liefern und das möglichst zeitnah. Externe Veröffentlichungen wie Jahresabschlüsse müssen hingegen eine breite Palette von Rechnungslegungsstandards erfüllen und dienen dazu, externe Stakeholder in regelmäßigen Abständen über das Geschäft des Unternehmens zu informieren

    Welche Dateien wurden veröffentlich und welche sind relevant?

    Der Hauptkritikpunkt des FT Artikels ist folgender: „A focal point of the FT’s inquiries into Wirecard is one of these partner companies, a Dubai-based intermediary called Al Alam Solutions, which documents indicate contributed half of the German company’s worldwide profits in 2016.”

    Die FT stellt in ihrem Artikel das Bild eines dieser Dateien dar. Es handelt sich dabei um Datei (5) „Übersicht Dritt-Acquirer 2017-06-03 Stand 20-07-2017 V1.xlsx“, Tab: „Stand 20.07.2017“. Aus den Daten der Spalten E und F, überschrieben mit „WD UK & Ireland“, darunter „Al Alam“ und „Card Systems FZ LLC“ darunter „Al Alam“, Zeile 87 schließt Dan Mccrum auf einen EBITDA Effekt von 173.507.227 EUR für Al Alam, was einem Anteil von 56% des Gesamtkonzerns-EBITDA im Jahr 2016 entsprechen würde.

    Folgende Dateien wurden von der FT veröffentlicht:

    (1) Monitoring Customer Relationships 31 12 2016 – some FT redactions.xlsx
    (2) Q4 2017 Monitoring CR_intern (Some FT Redactions).xlsx
    (3) Receivables Q2 2017.xlsx
    (4) Report WCUK-Ireland 07-09.2016.xlsx
    (5) Übersicht Dritt-Acquirer 2017-06-30 Stand 20-07-2017 V1.xlsx
    (6) WUKI Payplugger 2016 September.xlsx

    (1) Enthält keine konkreten Daten (geschwärzt, gelöscht)

    –> irrelevant

    (2) Enthält pro Tab Umsätze einzelner Partnergesellschaften kumuliert auf Account Ebene aus 2017 (aufgeschlüsselt in einzelne Umsatzbestandteile, FX Raten, Disagio)

    Wenn es sich um die Umsätze von 2017 handelt, so lässt deren Höhe im Verhältnis zum Gesamtumsatz für 2017 möglicherweise Schlüsse über das Geschäftsverhältnis zu Al Alam zu, allerdings nur für 2017. Tab „2017 Al Alam“ enthält die relevanten Daten

    –> beschränkt relevant

    3.) Enthält nur Receivables (Forderungen). Forderungen sind zeitpunktbezogen und sagen nichts über Umsätzerlöse aus

    –> irrelevant (keine Schlüsse möglich)

    4.) Betrifft Irland

    –> irrelevant, Al Alam ist nicht separat identifizierbar

    5.) Tab Stand 20.02.2016 enthält zwei Spalten mit den Doppelüberschriften „WD UK & Ireland“ und „Al Alam“ und „Card Systems FZ LLC“ und „Al Alam“.

    Dies ist eindeutig ein Arbeitssheet. Es gibt keine Einzeltransaktionen, sondern enthält nur feste Werte. Es ist völlig unklar, wie hieraus Umsätze aus 2016 abgeleitet werden können. Schon die Tabbezeichnung macht wenig Sinn „20.02.2016“. Im Feb 2016 kann man kaum auf die zukünftigen YTD Umsätze für 2016 schließen.

    Wahrscheinlich wurde die Tabbezeichnung nicht einmal angepasst, was darauf hindeutet, dass es kein Excel Sheet ist, was der Vorstand gesehen haben kann. Für den Controller, der dies erstellt hat, wäre dies eine große Peinlichkeit, wenn er es nicht einmal schafft, die Tabbezeichnung richtig anzupassen.

    Außerdem ist die Doppelüberschrift vieldeutig. Sind das die nun Gesamtwerte für Al Alam oder für Cardsystems mit allen Partnern? Cardsystems hat noch andere Partner als Al Alam. Es ist völlig unklar, wie man hieraus irgendwelche Schlüsse ziehen sollte.

    –> irrelevant

    6.) Account Balances, keine Umsätze, kein Al Alam

    –> irrelevant

    Zwischenfazit:

    Eigentlich ist nur 2.) brauchbar, da es Umsätze von Al Alam für 2017 auf Detailebene enthält. Die Anschuldigungen der FT bezieht sich allerdings auf 2016.


    Welche Schlüsse können wir nun tatsächlich ziehen

    Im Jahr 2017 hat laut Datei (2) Wirecard Umsätze in Höhe von 74mio mit Al Alam erzielt. Dies entspricht etwa 5% der Gesamtumsätze von Wirecard in 2017 (1,5Mrd) und einer Verzinsung des Transaktionsvolumen von 1,7Mrd in Höhe von 4%. Das klingt beides plausibel.

    Datei (5), auf welche sich die FT bezieht, hat keine relevante Aussagekraft, weil sie nur Summen anzeigt, die wir nicht eindeutig allein Al Alam zuordnen können. Es ist reine Spekulation, was diese Zahlen aussagen könnten. Es gibt keine Einzeltransaktionsübersicht, die man abgleichen könnte. Die dargestellten Summen passen nicht einmal ansatzweise zu den Details und dem Anteil, den Al Alam in 2017 an den Gesamtumsätzen hatte, zumindest laut Datei (2).

    Abgleich der Erkenntnisse mit der Investor Relations Abteilung von Wirecard

    Niemand externes, weder wir, noch die FT sind in der Lage, reale Schlussfolgerungen aus diesen Dateien zu ziehen. Aus diesem Grund habe ich die Investor Relations Abteilung kontaktiert, ihnen diese Analyse vorgestellt und um Bestätigung gebeten.

    Man sagte mir, dass man mir den Umsatzanteil von Al Alam nicht konkret nennen könne, allerdings trotzdem bestätigen könne, dass der Anteil in den Jahren 2016 bis 2018 im niedrigen einstelligen % Bereich lag. Somit passt unser Ergebnis von 4% zur Aussage von Investor Relations.

    Wie im Statement von Wirecard steht, hatte der größte Partner von Wirecard einen Anteil von 12% in 2018. Al Alam ist demnach nicht der größte Partner, sondern nur einer von vielen. Laut Investor Relations handele es sich zwar nur um ein kleines Unternehmen mit wenigen Mitarbeitern, verfüge jedoch über ein Netzwerk zu vielen Banken und ermögliche es Wirecard deren Lizenzen zu nutzen in Teilen der Welt, in denen Wirecard keine eigenen Lizenzen halte.

    Fazit:

    Ich kann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass die veröffentlichten Dokumente tatsächlich die Anschuldigungen der FT untermauern. Ohne die Unterstützung dieser Dateien, ist der gesamte Artikel nur eine Anschuldigung ohne Beweise und damit kein Fakt, sondern nichts als ein mit Lametta verzierter kahler Weihnachtsbaum, den man aus dem Fenster schmeißen und vergessen sollte.

    Meine Erfahrung, dass man Zeitungen und ihrer Berichterstattung immer mit einer gesunden Portion Skepsis begegnen sollte, hat sich durch den Fall FT nochmals verfestigt. Ich bin ebenfalls stark enttäuscht von der hiesigen medialen Berichterstattung in Deutschland, die sich lediglich einseitig auf das von der FT Behauptete beschränkte und das gleiche Lied spielte wie die FT, anstatt selbst die Behauptungen anhand der Dateien kritisch zu hinterfragen. Die Wahrheit ist unpopulär, aber sie sollte bekannt gemacht werden. Aus diesem Grund habe ich diesen Bericht geschrieben.

    10 COMMENTS

      • Thanks Rudi! Well, I am afraid the newspapers are not interested, I tried. That is one reason, why I created this Blog.

      • Hallo Banner83, du hast dir viel Mühe mit deinem Beitrag gemacht. Du implizierst, dass 1,1Mrd and Cash irgendwo verschwunden seien, weil dies aus deiner Berechnung hervorgeht. Damit implizierst du auch, dass E&Y diese 1,1Mrd übersehen hat. Das halte ich jedoch für absolut ausgeschlossen. Auch wenn die Medien aktuell einen großen Hehl aus dem Thema Cash machen, sollte man sich fragen, was wirklich realistisch ist und das, was du implizierst, ist es nicht. Ich richte mich in meinen Investitionsentscheidungen nach Wahrscheinlichkeiten und nach dem, was wesentlich ist. Wirecard hatte noch nie ein Cash Problem. Der Kapitalmarkt sieht dies ebenso, war doch die Wirecard Anleihe zweifach überzeichnet und das trotz eines sehr niedrigen Zinssatzes. Das, was zählt, ist die Geschäftsentwicklung. Die Finanzierung und der Cashfluss sind nur dann wirklich relevant, wenn er zum Problem wird und das Unternehmen seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann oder nötige Investitionen nicht mehr finanzieren kann. Beides ist und war bei Wirecard noch nie der Fall. Solange dies nicht eintritt und dafür gibt es keine Anzeichen, sehe ich keinen Grund von dieser Annahme abzuweichen. Beste Grüße

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