Wirecard FT Skandal: die mediale Ausschlachtung

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Wie die Zeitungen den Wirecard Skandal für sich ausnutzen

Die FT und Dan Mccrum müssen die Helden vieler Zeitungen und Journalisten sein. Sie haben es geschafft, und das allein mit Worten, einen Milliardenkonzern in die Knie zu zwingen. Jede große Deutsche Zeitung muss vor Dankbarkeit geradezu überschäumen, können sie doch über Wochen und Monate das gelieferte Material rund um den Wirecard Skandal medial ausschlachten.

Nachdem sich sowieso keiner mehr für den Handelskonflikt interessiert, kommt ein Skandal wie dieser gerade recht. Wie bei einer guten Fernsehserie kann man nicht nur mit der eigentlichen Serie einmal Geld verdienen, sondern man macht selbstverständlich Sequels und Spinoffs.

Dan Mccrum ist ein Meister darin, aus altem wieder Neues zu machen. In beiden seiner primären Wirecard Artikel verwendet er faktisch dieselben Dateien, die faktisch eigentlich gegenstandslos sind, wenn man sie denn nur aufmacht und anschaut. Leider tut das so gut wie niemand, fast….

Wenn einem dann trotzdem das Pulver ausgeht, fängt man wieder an zu graben. Und auch darauf können sich alle anderen wieder stürzen, bis kein Fleisch mehr am Knochen ist und die nächste Geschichte gesucht wird. Jetzt ist sogar eine Agentenstory daraus geworden.

Für die Allgemeinheit könnte dieser Thriller um Wirecard nicht spannender sein. Die Geschichte hat alles. Agenten, Überwachung, gefährliche Shortseller, Milliardäre, einfach alles.

Die FAZ geht sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnete kürzlich Wirecard „als Schande für den Dax“.

Aber was genau hat Wirecard denn eigentlich Schändliches getan?

Musste Wirecard Milliardenstrafen zahlen für begangene Vergehen? Nein

Waren die Jahresabschlüsse nachweislich inkorrekt? Nein

Hat Wirecard betrogen? Nein

Hat Wirecard seine Bilanz aufgebläht oder gefälscht? Nein

Wie sieht es denn mit Skandalen bei anderen Dax Unternehmen aus?

Hat die Deutsche Bank Milliarden an Bußgeldern bezahlen müssen für unzählige Vergehen? JA

Laufen nicht riesige Klagen von Tausenden Geschädigten gegen Bayer/Monsanto in den USA? JA

Musste die Commerzbank nicht mit Steuerzahlergeld gerettet werden? JA

Haben nicht VW, Daimler und viele andere bei Abgastests betrogen und damit den Ruf Deutschlands in der Welt ramponiert? JA

Hat nicht Siemens über ein milliardenschweres System schwarzer Kassen die Bestechung ausländischer Auftraggeber finanziert? JA

Diese Liste ist nur die Spitze des Eisbergs, spricht aber für sich.

Vor diesem Hintergrund sollte sich jeder fragen, wie verhältnismäßig und rational die Berichterstattung gegenüber Wirecard aktuell wirklich ist und die Situation darauf basierend einschätzen.

Die Niedergang und die Verzweiflung der Zeitungen

Man hat das Bild einer Maus vor Augen, die sich in tosender Flut an den letzten Strohhalm klammert. Die Zeitungen überall in der Welt befinden sich in einer langsamen Sterbephase.

Herausgefordert durch das Internet und umringt von alternativen Medien stehen sie mit dem Rücken zur Wand.

So sinkt die Auflage der Tageszeitungen in Deutschland seit Jahren und dies verwundert wohl keinen, erhält man doch heute fast alle Informationen im Internet umsonst.

Seit 1991 hat sich die Auflage der Deutschen Tageszeitungen nahezu halbiert. Zahlreiche Zeitungen haben bereits aufgegeben und wahrscheinlich werden noch viele folgen.

Auch durch Onlineangebote können die sinkenden Auflagen kaum kompensiert werden und so fallen mit ihnen zusammen ebenfalls die Umsätze und Gewinne der Zeitungen.

Wirecard: Trendthema Nr.1 bei Aktien

Verständlicherweise versucht man sich als Zeitung in einem solch schwierigen Umfeld neu auszurichten. Es ist kein Geld mehr da, um wirklich investigativen Journalismus zu betreiben. Am leichtesten, so scheint es, lässt sich Geld verdienen mit den populärsten Themen und dem Kopieren von erfolgreichen Artikeln.

Sucht man auf Google Trends nach verschiedenen bekannten Dax Aktien, so zeigt sich ein klarer Trend. Wirecard ist einsam an der Spitze und damit ein perfektes Ziel für weitere Angriff und die FT liefert die Munition, um die das Gewehr am feuern zu halten.

Es gibt momentan keine Aktie, die mehr diskutiert wird als Wirecard. Bei Wallstreet Online ist sie seit Wochen die Nr.1

Wallstreet Online Auszug, Wirecard aufgrund des Skandals an der Spitze

Man schneidet sich nicht ins eigene Fleisch

Unsere deutschen Zeitungen haben aus den genannten Punkten auch überhaupt kein Interesse daran, die FT einer Untat zu überführen, indem sie selbst die Aussagen dieser Zeitung kritisch hinterfragen. Fakt ist, dass ein Reputationsverlust bei einer bekannten Zeitung wie der FT auch andere Zeitungen treffen würde.

Stattdessen ist es viel profitabler, den Wirecard Skandal weiter anzuheizen und die Früchte so lange wie möglich zu genießen.

Der Realitätscheck

Nun, da wir wissen, welche Beweggründe unsere Zeitungen treibt, sollten wir besser selbst einen Realitätscheck machen, bevor wir verunsichert unsere Aktien verkaufen.

Mediensicht vs. Kundensicht

Der Kunde ist König. Dieser Satz enthält viel Weisheit, ist es doch der Kunde, der die Produkt eines Unternehmens kauft und damit die weitere Existenz des Unternehmens ermöglicht. Insofern ist ein zufriedener Kunde der Garant für eine florierende Zukunft eines Unternehmen.

Wenn Wirecard wirklich einen Vertrauensverlust erleiden würde, dann müsste man im Umkehrschluss auch annehmen, dass Wirecard ein echtes Problem mit seinen Kunden hätte. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wie diese Liste hochkarätiger in 2019 neu gewonnener Kunden und ausgebauter Partnerschaften offenbart.

Wirecard Kunden – Q319 Investoren Präsentation

Mediensicht vs. Wirtschaftsprüfersicht

Wirtschaftsprüfer müssen hohe Strafen zahlen, wenn sie ihren Job nicht richtig machen. So wurde beispielsweise PWC 2018 zu einer Schadensersatzzahlung von 625 Millionen USD verdonnert, weil sie es versäumt hatten, einen Betrug bei der Colonial Bank aufzudecken.

Ja, auch Wirtschaftsprüfer machen Fehler, keine Frage. Allerdings stehen sie genauso im Risiko wie ihre Klienten. Auf breiter Front wird kritisiert, dass Wirecard KPMG zur Sonderprüfung selbst beauftragt hätte und KPMG nur das prüfe, was Wirecard vorschreibt. Dem ist eben nicht so. KPMG steht genauso im Fokus und muss ebenso mit Strafe rechnen, wenn sie nicht unabhängig prüfen.

Im Bestätigungsverweis des Jahresabschlusses 2016 von Ernst & Young steht in klarer Schrift, schwarz auf weiß geschrieben:

Man muss sich ganz klar fragen, wem man eher glaubt:

1.) Einem Journalisten der FT, der kein ausgebildeter Wirtschaftsprüfer und Experte für Bilanzen ist, sich aber anmaßt als solcher auszugeben und Anschuldigungen basierend auf inoffiziellen und vermutlich gestohlenen internen Dokumenten zu machen im Schutzmantel der Pressefreiheit, ohne Konsequenzen fürchten müssen.

ODER

2.) Einem Team von hochausgebildeten Bilanz Spezialisten, die mit ihrem Namen die Richtigkeit ihrer Prüfung unterschreiben und mit dem Risiko leben müssen, für Fehler in Millionenhöhe und mit Rufschädigung bestraft zu werden.

Fazit

Welche Erkenntnisse können wir nun aus all dem ziehen:

1.) die Medien haben überhaupt kein Interesse an realitätsnaher Berichterstattung. Sie haben Interesse an Skandalen und Massenhysterie. Damit verdienen sie ihr Geld.

2.) Die entscheidenden Gruppen stehen dem Medienecho entgegen: Kunden unterstützen Wirecard mehr als zuvor, Wirtschaftsprüfer sind an ihre Unabhängigkeit gebunden und dafür haftbar zu machen.

3.) Shortseller muss man nicht hassen, man muss Ihnen und ihren Berichten aber auch nicht unbedingt Glauben schenken.

Gibt es also Hoffnung?

Am Horizont ist bereits die Morgendämmerung zu sehen. Auch wenn es schwierig ist, sich im Dschungel aus neuen und sich ständig wiederholenden Zeitungsberichten zurechtzufinden, gilt es einen klaren Kopf zu bewahren.

Im ersten Quartal 2020 stehen zwei entscheidende Events an:

1.) Geschäftsbericht 2019

2.) KPMG Sonderprüfungsbericht

Dies sind genau die Fakten, die gebraucht werden, um die Wirecard Aktie auf seinen alten Wachstumstrend zurückzubringen.

Zwei der 4 größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften prüfen Wirecard momentan parallel. Nach diesen Prüfungen gibt es wohl kein anderes Unternehmen, was derart ausführlich geprüft wurde. Mehr Sicherheit gibt es nicht.

Letztendlich wird das Risiko bei Wirecard im Zusammenhang mit dem FT Skandal erheblich überschätzt, was zu zwei Dingen führt:

1.) einer im Verhältnis zu anderen ähnlichen Unternehmen geringen Bewertung

2.) Einer hervorragenden Chance für Investoren, selbst mit dem Wirecard Skandal Geld zu verdienen, anstatt sich von ihm zermürben zu lassen

Bei jedem Aktieninvestment sollte man sich eine möglichst neutrale Sicht bewahren und alleine darauf basierend eine Kauf oder Verkauf Entscheidung treffen.

11 COMMENTS

  1. Gute Zusammenfassung der Situation. Es wird leider Zeit, dass der Gesetzgeber darüber nachdenkt, wie sie Missbräuche der Pressefreiheit durch solchen sensationalistischen Suggestiv-Journalismus unterbindet. Schade – hier gräbt sich ein einst seriöses und wichtiges Kontrollorgan der 4.Gewalt sein eigenes Grab.

    • Danke Beammeup Scotty ;). Pressefreiheit ist ein zweiseitiges Schwert….das Positive überwiegt aber das Negative. Die Menschen müssen nur lernen zu verstehen, Meinungen von Fakten zu unterscheiden.

  2. habe mir mal den 3-seitiges Artikel im Spiegel (7. Dez.) über Braun und Wirecard angeschaut. Ein Lehrstück in Journalismus, wenn man mal die Quellen in den Blick nimmt: fast nur anonyme Quellen.

    Zitate:

    „Wirecard, so der Verdacht, operiere mit falschen Geschäftszahlen“: Wer hat diesen Verdacht? Wird nicht genannt.
    „Manche sagen (über Braun, den Wirecard-Chef): kalt. In seinem Umfeld wird verbreitet“. Wer sind manche? Wer ist das Umfeld? Und wie verlässlich sind sie und es?
    „Klug wird man nicht aus ihm. Seine Ausführungen klingen oft so nebulös wie Wirecards Geschäftsmodell.“ Hier gibt sich der Spiegel nicht mal Mühe, seine eigene Beschränktheit zu verbergen. Weil jemand nicht durchschaubar ist, kann er nur nebulös sein, wie sein Geschäftsmodell.
    „Ex-Manager von Wirecard erzählen eine andere Version.“ Sie werden namentlich nicht genannt.
    „Der Vorgang, sollte er stimmen, wäre mindestens fragwürdig.“ Ob er stimmt, interessiert den Spiegel nicht, es reicht, dass er fragwürdig ist.
    „Im Oktober 2018 werden der »FT« umfangreiche Informationen eines Whistleblowers zugespielt“. Wie verlässlich ist er?
    „Er (Braun) macht seinen Einfluss im Hintergrund geltend.“ Wie kann der Spiegel das wissen? Und: Wer, bitteschön, macht das nicht? Bei Braun aber ist es verdächtig.
    „Insider dagegen berichten,…“ Wieder eine anonyme Quelle

    In dem ganzen Artikel wird nicht ein einziger Wirecard-Kunde genannt oder gefragt, ob sie mit Wirecard Geschäftsbeziehung haben und wie umfangreich sie sind. In diesem Jahr hat Wirecard als neugewonnene Kunden per Pressemitteilung bekanntgeben: Ikea, Here, die französische Orange Bank, Swatch Pay, Playmobil, CarGo, die indonesische Bank Mandiri, YeePay in China, Libra Internet Bank und Rakuten. Nicht einer der in diesen PMs genannten Herren wird mal danach befragt, wie die Geschäfte mit Wirecard so laufen und warum sie sich für Wirecard entschieden haben (es gibt ja Alternativen). Außerdem hat Wirecard am 6. November 2019 seine 9-Monatszahlen veröffentlicht, auch darüber verliert der Spiegel kein Wort.

    Insofern kann ich nur sagen: die obige Einschätzung von Wizard teile ich – nicht erst seit gestern

  3. Der Bericht liefert ein gutes Gegenstück zu den anderen Berichten. Es hätte mich gefreut, wenn man auch zu den negativen Punkten Stellung bezieht:
    -Ermittlungen / Raid Singapur
    -Fehlbuchungen (die sehr gering waren)
    -Marktreaktion (Markt/Kurs reagierte überraschend negativ)

    Ich stimme mit dem Artikel grundlegend überein. Unabhängig gibt es kaum ein Medium, welches wirklich beide Seiten klar analysiert. Jeder muss scheinbar irgendwie Stellung beziehen und eine Position einnehmen.

    Trotzdem möchte ich den Artikel loben, weil er näher an der Wirklichkeit zu sein scheint, als viele andere Artikel.

    • Hallo Philipp, vielen Dank für deinen guten und neutralen Kommentar. Zu deinen Punkten: Die Ermittlungen in Singapur sind nur Ermittlungen und kein Fakt, der ein Vergehen bewiesen hat. Die Fehlbuchungen sind immateriell. In nahezu jedem Jahresabschluss großer Konzerne wird man Fehler finden können. Wirtschaftsprüfer können nicht jede einzelne Transaktion prüfen, da es zeilich nicht möglich ist und in keinem Verhältnis zum Aufwand stehen würde. In den IFRS gibt es das Prinzip der Materialität. Fehlbuchungen im 1-stelligen Millionenbereich fallen bei einem Konzern mit Milliardenumsatz nicht ins Gewicht. Die Marktreaktion ist eine Reaktion auf die überwältigend negative Berichterstattung. Emotionen sind dabei der entscheidende Treiber, nicht Fakten. Mir war es wichtig herauszustellen, dass man nicht alles glauben soll, was man täglich liest, sondern sich selbst Gedanken machen muss, ob das was dort steht, auch der Wahrheit entspricht, Sinn ergibt und mit Fakten unterlegt wurde.

  4. Wie kommt unsere Medienlandschaft aus der Nummer wieder raus? Durch negativ boulevardeske Berichterstattung haben sie den Leerverkäufern geholfen den Aktienkurs zu schwächen.

    Wenn nun Wirecard in Singapur seine weiße Weste behalten kann und das CAD die Verfahren einstellt, und auch KPMG grünes Licht gibt, wie reagiert die deutsche Medienlandschaft darauf?

    1. Sie machen mit Ihrem Spiel weiter: „Nicht erwischt, Glück gehabt! Aber irgendwann…“
    2. Sie werden sich kritisch mit sich selbst bzw. der FT außeinandersetzen
    3. Sie loben Wirecard über alles und hoffen dass die Leser vergessen was sie getan haben

    Ich halte die dritte Variante für die Wahrscheinlichste – allerdings wage ich zu bezweifeln dass die Leser wirklich so vergesslich sind…

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