Der FT Journalist Dan Mccrum ließ mit seinen Behauptungen über round tripping und einen angeblichen Bilanzskandal bei Wirecard den Aktienkurs und tausende von Anleger zittern.

Unzählige Artikel überfluten seitem die täglichen Schlagzeilen und schlachten den angeblichen Skandal aus, in denen von Betrug und neuerlich sogar Agenten die Rede ist.

Die Mehrheit der Wirecard Aktionäre wartet deshalb gespannt auf einen Prüfungsbericht von KPMG, der Klarheit schaffen und die Vorwürfe endgültig aufklären soll.

Auszug FT Artikel vom 19.12

Aber brauchen wir diesen Bericht wirklich? Oder können wir mit ein wenig Analyse und logischem Menschenverstand schon jetzt eine Entscheidung treffen?

Wie funktioniert round tripping in der Praxis und was hat das mit einem Bilanzskandal zu tun?

Was können wir aus Bilanzskandalen der Vergangenheit für den Fall Wirecard lernen?

Hat Mccrum Recht oder lassen sich möglicherweise entscheidende Fehler in seinen Artikeln finden?

Inhalt

Was ist round tripping?

In den meisten Artikeln wird round tripping lediglich einsilbig beschrieben, ohne dass die Autoren richtig erklären, worum es eigentlich geht.

Ziel von round tripping ist es, durch fiktive oder manipulierte Transaktionen Umsätze und Gewinne eines Unternehmens künstlich aufzublähen, ohne dass dabei wirklicher Wert geschaffen wird.

Einer der wesentlichen Knackpunkte aber fehlt in diesem Satz, denn Umsätze und Gewinne einfach zu steigern, ist nicht so simpel wie es klingt.

Durch geschicktes Agieren ist es zwar möglich, Wirtschaftsprüfer über einige Zeit hinweg zu täuschen, aber die Grundsätze der Rechnungslegung lassen sich nicht aushebeln.

Fiktive Umsatz- und Gewinnsteigerungen sind in großem Umfang niemals möglich, ohne dabei gleichzeitig auch die Bilanz zu manipulieren.

Daher ist das Wort round tripping unweigerlich mit dem Wort Bilanzskandal verbunden.

Warum wird round tripping gemacht?

Round tripping erfüllt nur einen einzigen Zweck: die Bereicherung auf Kosten anderer.

Das Management kann auf diese Weise:

  • die eigenen Ziele besser erfüllen, um damit z.B. den eigenen Bonus zu steigern
  • über Transaktionen mit eigenen Unternehmen von den geschlossenen Deals profitieren
  • den Aktienkurs pushen und damit das eigene Aktienpaket werthaltiger machen

Wie funktioniert round tripping in der Praxis?

Eines der besten und aktuellsten Beispiele für einen wirklichen Bilanzbetrug und round tripping ist Steinhoff, dessen Bilanzskandal in den letzten beiden Jahren große Wellen schlug.

Der Steinhoff Bilanzskandal

Steinhoff war jahrelang ein aufstrebender Möbelkonzern, der sogar Ikea Konkurrenz machen konnte. Mittlerweile hat die Steinhoff Aktie durch einen vom Management initiierten Bilanzbetrug mehr als 99% ihres Wertes verloren.

Im März 2019 veröffentlichte Steinhoff die Key Findings eines über 14 Monate lang erstellten PWC Reports, der nachweislich bestätigt, dass bei Steinhoff Umsätze, Profite und Bilanz bei Steinhoff über viele Jahre lang teilweise gefälscht wurden.

PWC Key Findings:

  • Es wurden fiktive Umsätze, Profite und Assets gebucht
  • Dazu führte man Transaktionen mit externen Unternehmen durch, die aber faktisch vom Steinhoff Management kontrolliert wurden
  • Um die Glaubwürdigkeit dieser Transaktionen zu unterstützen, wurden falsche Dokumente erstellt und zurückdatiert
  • Verteilung der überhöhten Umsätze, Profite und Assets auf verschiedene Tochterunternehmen innerhalb des Konzerns

Was Mccrum in seinen Artikeln übersieht

Am Beispiel Steinhoff, aber auch anhand von anderen Bilanzskandalen wie Enron oder Worldcom (dazu gleich mehr), kann man erkennen, dass es zweierlei Dinge bedarf, um effektiv und langfristig round tripping zu betreiben.

1.) Externe Unternehmen unter der Kontrolle des Managements

2.) Eine Gegenposition in der Bilanz und damit aufgeblähte Bilanzpositionen

Weshalb diese beiden Punkte so wichtig sind und dass ihre Vernachlässigung durch Mccrum seine komplette Argumentationskette zusammenbrechen lässt, werden die weiteren Abschnitte zeigen.

1.) Externe Unternehmen unter der Kontrolle des Managements

Konsolidierung interner Konzernbeziehungen

Ein Konzern besteht aus vielen separaten Einheiten, die miteinander interagieren und gemeinsam die Produkte und Services des Konzerns erzeugen.  

Es werden gegenseitige Leistungen erbracht. Dadurch entstehen konzerntinterne Gewinne und Verluste, als auch Verbindlichkeiten und Forderungen und andere Bilanzpositionen.

Kumulierte man all diese internen Gewinne und Forderungen im Jahresabschluss einfach, würde sich das Unternehmen reicher rechnen als es eigentlich ist.

Um dies zu korrigieren, wird im sogenannten Konzernabschluss eine Konsolidierung durchgeführt, bei der solche internen Beziehungen neutralisiert werden. Am Ende dieses Prozesses zeigt die Konzernbilanz und GuV das tatsächliche Bild des Gesamtkonzerns.

Aus diesem Grund ist es einem Unternehmen nicht möglich, round tripping nur rein intern durchzuführen, denn die fiktiven Umsätze und Gewinne müssten ebenfalls neutralisiert werden.

Bilanzskandale der Vergangenheit und welche Rolle externe Gesellschaften spielten

Beziehungen mit externen Unternehmen sind demnach eine Grundvoraussetzung, um mit round tripping langfristig erfolgreich zu sein.

Entscheidend ist dabei ebenfalls, dass diese externen Unternehmen unter der Kontrolle des bilanzierenden Unternehmens stehen müssen, denn nur so ist es möglich, fiktive Transaktionen auf beiden Seiten zu realisieren und in den Zahlen beider Unternehmen darzustellen.

Außerdem darf keine offizielle Verbindung zwischen den Unternehmen bestehen und bekannt sein, dass Kontrolle ausgeübt wird. Wäre dies bekannt, müsste das Unternehmen sie im Konzernabschluss neutralisieren.

Enron – Kontrolle über Zweckgesellschaften (Special Purpose Entities)

Als der Enron Skandal 2001 aufflog, befanden sich die moderne IFRS/US GAAP noch in ihren Kinderschuhen.

Enron hatte es geschafft, Lücken in den Bilanzierungsregeln geschickt auszunutzen, indem es ein Netz aus Zweckgesellschaften in rechtsfreien Ländern aufbaute. Diese Gesellschaften konnte Enron zwar indirekt kontrollieren, musste sie nach den damaligen Regeln aber nicht konsolidieren, weil keine Mehrheitsbeteiligung bestand.

Trotzdem hatte Enron faktisch die Kontrolle, um über sie Transaktionen zu etablieren und damit Umsätze und Gewinne aufzublähen.

Im Anschluss an diesen Skandal wurde diese Lücke in den Rechnungslegungsstandards geschlossen.

Steinhoff – Kontrolle über Beziehungen

Die PWC Untersuchung von Steinhoff deckte auf, dass Umsätze und Bilanz durch fiktive Transaktionen mit Drittunternehmen aufgebläht wurden, die zwar unabhängig erschienen, aber faktisch vom Steinhoff Management kontrolliert wurden.

Leider geht es aus dem PWC Report nicht im Detail hervor, wie genau das Steinhoff Management Kontrolle über diese Drittunternehmen ausüben konnte.

Scheinbar bestanden jedoch persönliche Beziehungen zwischen den Unternehmen.

Auf diesem Weg gelang es, die Wirtschaftsprüfer jahrelang hinters Licht zu führen.

Worldcom – keine externen Gesellschaften

Worldcom, war einer der größten Bilanzskandale aller Zeiten, aber auch einer der kürzesten.

Um einen weiteren Verfall seines Enron Aktienpakets zu verhindern, hatte der langjährige Chef des Konzerns, Bernie Ebbers, die Gewinne überhöht ausgewiesen.

Dies erreichte er ganz ohne die Hilfe externer Gesellschaften, indem er Kosten in der Bilanz aktivierte, die er nicht aktivieren durfte.

Generell können nur Ausgaben als Asset auf die Bilanz wandern (aktiviert werden), die einen zukünftigen Wert haben und damit Gewinne erwirtschaften können, wie z.B. die Ausgabe für eine Maschine, nicht aber simple Ausgaben.

Dieser Ansatz war derart offensichtlich, dass der Skandal schon innerhalb von etwa einem Jahr aufflog und Bernie im Gefängnis landete.

Was können wir daraus lernen?

Ohne Drittgesellschaften, deren Eigentumsverhältnisse verschleiert werden, ist es kaum möglich, dauerhaft und schon gar nicht über Jahre hinweg zu täuschen.

Mccrum hat bisher nicht einen einzigen Nachweis dafür erbracht, dass es externe Gesellschaften gibt, die durch Wirecard kontrolliert werden.

Es ist schon höchst interessant, dass Mccrum zu diesem Thema schweigt bzw. nur ganz vage Andeutungen macht, obwohl es ein zentraler Pfeiler seines sogenannten Bilanzskandals ist.

2.) Aufgeblähte Bilanzpositionen – Untersuchung der Wirecard Bilanz

Das Wort Bilanzskandal enthält das Wort Bilanz und das aus gutem Grund.

Der Grund dafür liegt in der Rechnungslegung selbst. Umsatzbuchungen oder Ergebniserhöhungen passieren nicht einfach so. Sie benötigen immer eine Gegenposition und diese befindet sich in der Bilanz.

So wie man die Gesetze der Physik nicht aushebeln und Autos wie aus dem nichts fliegen lassen kann, ist es genauso wenig möglich, die grundlegenden Prinzipien der Rechnungslegungsgrundsätze zu vermeiden.

Ein simples Beispiel: Eine Standardbuchung für Umsätze läuft wie folgt:

Forderung (Bilanz) an Umsatz (GuV)

Die Umsätze werden in die GuV (Gewinn und Verlustrechnung) gebucht und gleichzeitig hat das Unternehmen eine Forderung gegenüber dem Kunden auf der Bilanz.

Wird die Rechnung bezahlt, findet dieser Vorgang nur noch auf der Bilanz statt:

Cash (Bilanz) an Forderung (Bilanz)

Die Forderung wird ausgebucht, der Cashbestand dafür erhöht.

Weil die Bilanz eine so wichtige Rolle spielt, müssen wir uns die Bilanzpositionen von Wirecard genau anschauen.

Wirecard hat eine übersichtliche Bilanz mit nur wenigen Assetklassen.

Die drei größten Aktiva Positionen sind:

  • Goodwill und Intangibles (immaterielle Vermögensgegenstände)
  • Cash & Cash Äquivalente
  • Receivables (Forderungen)

Sie zusammen machen rund 85% der gesamten Aktiva aus.

Auszug Wirecard Finanzreport Q3 2019

Das Verhältnis dieser Positionen zueinander hat sich in den letzten Jahren verschoben.

Während der Anteil der Intangibles gesunken ist, wurde die Cashposition verhältnismäßig erhöht.

Eigene Analyse anhand der offiziell zugänglicher Bilanzinformationen

a.) Intangible Assets

Intangibles sind diejenigen Assets, die mitunter den größten Bewertungsspielraum ermöglichen.

Dieser Spielraum kann möglicherweise genutzt werden, um Gewinne künstlich zu steigern.

Was ist der Goodwill?

Es ist die Differenz zwischen dem Kaufpreis eines Unternehmens und dem Wert der Assets des gekauften Unternehmens.

Somit stellt es eine Prämie dar, die der Käufer bereit ist, über den Wert des Unternehmens hinaus zu bezahlen, um von den Vorteilen der Übernahme zu profitieren.

Was sind sonstige Intangibles?

Darunter fallen beispielsweise nicht fassbare Werte wie Marken, Kundenbeziehungen, selbsterstellte Patente etc. Sie alle können einen hohen Wert für ein Unternehmen haben, auch wenn dieser nur schwer messbar ist.

Die Partnerschaft mit Softbank hat beispielsweise einen Wert, der kaum messbar, aber offensichtlich vorhanden ist, weil Wirecard dadurch einfacher neue Kunden gewinnen konnte.

Die FT behauptete, Wirecard habe Umsätze und Gewinne durch eine Übernahme in Indien aufgebläht

Auszug FT Artikel vom 19.12.19

Mccrum impliziert damit, dass Wirecard in irgendeiner Weise aus dem Kauf von Star Global Gewinne oder Umsätze erzeugt hätte.

Leider bleibt er die weitere Erklärung darüber, wie das überhaupt möglich sein soll, schuldig.

Gewinne aufblähen mit immateriellen Vermögensgegenständen

Kauft ein Unternehmen ein anderes, übernimmt es alle Vermögensgegenstände und Schulden.

Der Wert des angebotenen Unternehmens wird ermittelt und die Differenz zwischen dem Kaufpreis und dem Unternehmenswert wird als Goodwill auf die Bilanz gestellt.

Ganz wichtig ist, dass dabei weder Gewinne, noch Verluste anfallen. Dieser ganze Vorgang passiert ausschließlich auf der Bilanz.

Es gibt keine Möglichkeit durch den originellen Unternehmenskauf selbst fiktive Gewinne zu erzielen (einzige Ausnahme für diese Regel ist der Fall, bei dem der Kaufpreis unterhalb des Unternehmeswertes liegt).

Gewinne können nur möglicherweise im Nachhinein fiktiv erzeugt werden durch:

  • Eine Wertzuschreibung
  • Den Weiterverkauf des übernommenen Unternehmens zu einem höheren Preis

Wertzuschreibung

Während andere Assets wie z.B. Maschinen nach einem klar definierten Plan abgeschrieben werden und damit über die Zeit Stück für Stück von der Bilanz verschwinden, gibt es bei immateriellen Vermögensgegenständen keinen solchen Plan.

Stattdessen werden immaterielle Vermögenswerte jährlich einem Test unterzogen, bei dem ihr aktueller Wert ermittelt wird. Soll eine Zuschreibung vorgenommen werden, muss das Unternehmen dies begründen und nachweisen, dass der Gegenstand nun mehr wert ist.

Weiterverkauf des übernommenen Unternehmens

Wird das ursprünglich übernommene Unternehmen an ein drittes Unternehmen weiterverkauft und ein höherer Preis als ursprünglich erzielt, kann ein Gewinn vereinnahmt werden.

Der Haken an der Sache ist, dass der Käufer selbstverständlich ebenfalls eine Unternehmensbewertung durchführen lässt und nur dann bereit ist, einen höheren Preis zu bezahlen, wenn wirklich mehr Wert besteht.

Nur wenn das Drittunternehmen ebenfalls vom ursprünglichen Käufer kontrolliert wird und dies nicht bekannt ist, kann auf diese Weise ein fiktiver Gewinn erzeugt werden.

Die Behauptungen der FT sind unberechtigt

Die Behauptungen von Dan Mccrum haben vom ersten bis zum letzten Wort keinen Sinngehalt.

1.) Beim ersten Kauf eines Unternehmens werden keine Gewinne beim kaufenden Unternehmen erzielt

2.) Wo sind die Gewinnaufblähungen im Wirecard Ergebnis zu sehen? Während der Goodwill in der Bilanz erfasst wurde, wie sich das gehört, steigen die Gewinne im Vergleich zum Vorjahr nicht überproportional an, faktisch nur um 35mio EUR.

Auszug Wirecard Jahresabschluss 2015
Auszug Wirecard Jahresabschluss 2015

Vergleich: Goodwill Entwicklung bei Steinhoff und Wirecard

Möchte man besser verstehen, ob eine systematische und langfristige Aufblähung von immateriellen Vermögenswerten zugunsten höherer Gewinne stattfand, muss man sich die Bilanz im Zeitverlauf anschauen.

Steinhoff erwirtschafte fiktive Gewinne über Jahre hinweg u.a. dadurch, dass man immaterielle Vermögensgegenstände zuschrieb.

Steinhoff:

Innerhalb von nur 11 Jahren stieg der Anteil der immateriellen Vermögenswerte an den gesamten Aktiva von 16% auf 51% überproportional an und hat sich damit mehr als verdreifacht.

Durch das Auffliegen des Skandals mussten erste Korrekturen in den Bilanzen 2017 und 2018 durchgeführt werden, weshalb die Werte nun wieder sinken.

Diese Korrekturen sind möglicherweise nur der Gipfel des Eisbergs und weitere Korrekturen werden möglicherweise folgen.

Wirecard

Während 2005 der Anteil der immateriellen Vermögensgegenstände noch 45% ausmachte, ist dieser mittlerweile um mehr als die Hälfte gesunken auf 21% im Sep 2019.

Das Jahr 2015, in dem die Indien Übernahme stattfand, fällt hierbei keineswegs aus dem Rahmen.

Sicherlich erhöhte sich der absolute Betrag des Goodwill auf der Bilanz, jedoch blieb das Verhältnis zu Forderungen und Cash konstant.

Schlussfolgerung Immaterielle Vermögensgegenstände

Wirecard konnte mit dem Deal in Indien nicht seine Gewinne steigern. Dies wäre nur möglich gewesen, wenn Wirecard im Nachhinein eine Zuschreibung vorgenommen hätte. Dafür gibt es aber keine Informationen in den Jahresabschlüssen.

Auch wurde Star Global nicht weiterveräußert und befindet sich auch im Jahresabschluss 2018 noch zu 100% im Besitz von Wirecard.

Da wie die FT selbst schreibt, die späteren direkten Gewinne aus dem neuen Tochterunternehmen mäßig waren, hätte man eine solche Zuschreibung gegenüber einem Wirtschaftsprüfer kaum begründen können.

Während bei Steinhoff zusammen mit den Gewinnen auch die Anteile der immateriellen Vermögensgegenstände bis auf über 50% anstiegen, sinkt dieser Anteil bei Wirecard seit Jahren und beträgt nun nur noch 21%.

Ein langfristiger systematische Betrug ist deshalb klar auszuschließen.

b.) Receivables (Forderungen)

Wie werden Forderungen von Wirtschaftsprüfern überprüft?

Ein Wirtschaftsprüfer lässt sich für seine Prüfung sogenannte Saldenbestätigungen zukommen. Auf ihnen weist der Kunde oder Geschäftspartner die eigene Forderung oder Verbindlichkeit gegenüber dem bilanzierenden Unternehmen aus.

Der Bilanzprüfer vergleicht die Forderungshöhe des bilanzierenden Unternehmen mit der Verbindlichkeit des Kunden oder Partners, um sicherzustellen dass beide übereinstimmend sind.

Um Umsatzerlöse und Forderungen künstlich zu erhöhen, muss ein Unternehmen daher entweder:

  • Die Saldenbestätigung des Kunden fälschen und die gefälschte Meldung dem Wirtschaftsprüfer in glaubwürdiger Weise vorlegen. Dabei reicht allerdings bereits ein Anruf des Wirtschaftsprüfers beim Kunden, um den Betrug aufzudecken.
  • Oder die Kontrolle über das Kundenunternehmen haben und die Bilanz auf der Gegenseite ebenfalls fälschen

Der Fall in Singapur, den die FT Anfang 2019 zum Anlass nahm, um den ersten Wirecard Artikel zu schreiben, solle angeblich zeigen, wie Wirecard systematisch round tripping bei Umsätzen betreibe.

Auszug FT Artikel vom 07.02.19

Die von Wirecard beauftragte Untersuchung durch R&T fand jedoch lediglich folgende wesentliche Punkte:

  • 2,5mio EUR Revenue wurde aufgrund einer falsch ausgestellten Rechnung zu viel gebucht
  • Eine inkorrekte Assetbuchung in Höhe von 3mio EUR wurde in einen Subledger gebucht. Sie wurde innerhalb von 1 Woche korrigiert ohne Einfluss auf die PL.
  • Dieses Asset landete niemals im Hauptledger und damit auf der offiziellen Bilanz
  • Es wurden Fehler bei der Eingabe in den Systemen gemacht

Wichtig ist festzuhalten, dass:

  • die Wirecard Compliance Abteilung mögliche Fehler bereits 2018 erkannte und selbständig eine Untersuchung einleitete
  • Wirecard im Anschluss R&T beauftragte, um eine unabhängige Untersuchung durchzuführen (bei vom Management systematisch durchgeführtem Betrug hätte man diese Untersuchung wohl eher unterbunden)
  • kein round tripping stattfand

Insbesondere weil hier temporär die Rechnungslegungsgrundsätze nicht erfüllt wurden und diese Fehler derart offensichtlich waren, flog die ganze Sache intern sehr schnell auf und es wurden Gegenmaßnahmen eingeleitet.

Die FT zog ebenfalls Zahlungen in Frage, die angeblich über Al Alam geroutet wurden:

Auszug FT Artikel vom 15.10.2019

Dies ist aus mehreren Gründen ebenfalls unplausibel, denn:

  1. da keine Umsätze über Al Alam fließen, sondern über die Al Alam Plattform lediglich die Verbindung zu Lizenzpartnern hergestellt wird
  2. die Namen der 34 Klienten, die angeblich nicht existieren, aus einem internen Dokument stammen und nicht den tatsächlichen Kundennamen entsprechen müssen
  3. für die Prüfung der Bilanz Saldenbestätigungen zu allen Kunden geprüft wurden, was mit dem Bestätigungsvermerk von E&Y bestätigt wurde

Auch hier wäre wiederum eine systematische Kontrolle dieser Kunden durch Wirecard erforderlich, um die Prüfungen der Wirtschaftsprüfer auszuhebeln. Auch dies ist undenkbar.

c.) Cash

Cash ist fälschungssicher

Den Cash Betrag auf der Bilanz selbst zu fälschen ist nahezu unmöglich, und das nur bei einem völligen Versagen des Wirtschaftsprüfers, denn die Validierung des Cashbestands erfolgt anhand von Bankauszügen von den Banken, auf denen das Geld liegt.

Ein Betrug hier würde mit hoher Wahrscheinlichkeit die Bank selbst involvieren, was ich bei Großbanken für ausgeschlossen halte.

Cash Äquivalente Umklassifizierung

Dann gibt es noch die sogenannten Cash Äquivalente. Darunter versteht man kurzfristige hochliquide Investments, die innerhalb von 3 Monaten in Cash umgewandelt werden können.

Laut PWC Assets erhöhte Steinhoff die Cash Äquivalente, indem es andere fiktive Assets dahin umklassifizierte.

Ich weiß leider nicht, wie hoch der Anteil der Cash Äquivalente am Wirecard Cashbestand ist oder wie sich diese bei Wirecard und Steinhoff im Vergleich entwickelt haben, da Cash und Cash Äquivalente kumuliert ausgewiesen werden.

Nichtsdestotrotz bedarf es anderer fiktiver Assets, um diese als Cash Äquivalente umzuklassifizieren zu können. Für deren Existenz gibt es keine Anzeichen.

Außerdem bedarf eine Reklassifizierung solcher fiktiven Assets in Cash Äquivalente einer guten Begründung. Dies wird reichlich schwierig, wenn man neben dem fälschungssicheren Cash lediglich receivables und goodwill zur Auswahl hat.

Ich halte es aufgrund der genannten Punkte für nahezu ausgeschlossen, dass es Wirecard möglich wäre, den Cashbestand künstlich aufzublähen.

Aufblähung des Cash Bestandes mit Geldern der Kunden?

Die FT behaupte auch, dass Wirecard seinen Cashbestand aufblähe, indem es Trustee Accounts nutze und das Geld der Kunden als eigenes Cash bilanziere.

Auszug FT Artikel vom 09.12.2019

Dass dies nach den IFRS begründbar ist, habe ich hier bereits detailliert dargestellt.

Fazit:

Dan Mccrum versucht zu beweisen, dass Wirecard seine Umsätze und Gewinne künstlich erhöht.

Dies tut er, indem er Zweifel über angeblich überhöhte Kaufpreise in Indien oder anhand interner nicht repräsentativer Dokumente sät, die inflationierte Umsätze bei Partnern wie Al Alam aufzeigen sollen (die Wahrheit über Al Alam findet ihr hier)

Er bezichtigt Wirecard des round tripping und des Bilanzskandals, bleibt aber die wichtigsten Erklärungen schuldig.

Mccrum verliert kein Wort darüber, welche Bilanzpositionen denn nun eigentlich aufgebläht seien, noch kann er Beweise dafür erbringen, dass Wirecard seine Partner kontrollieren kann.

In Dan Mccrums Verständnis muss Wirecard ein absolut übermächtiger Superbösewicht sein, dessen Superkräfte nicht nur in der Lage sind, grundlegende Rechnungslegungsprinzipien auszuhebeln, sondern auch alle seine Kunden und Partner nach Belieben kontrollieren und dazu zu zwingen kann, falsche Bilanzausweise zu erbringen.

Dan Mccrums Anschuldigungen wirken auf den ersten Blick erschreckend, werden aber umso lächerlicher, je mehr man sich mit dem Thema auseinandersetzt.

Wenn man genau hinsieht, hat Mccrum nichts in der Hand außer heißer Luft.

13 COMMENTS

  1. Der mit Abstand beste Artikel zu diesem Thema! Akribisch gesammelte Informationen übersichtlich und absolut transparent dargestellt. Im Vergleich zum Copy&Paste-Modus des Suggestivjournalismus eine Wohltat!

    Man kann nur hoffen, dass er in den Twitter-Accounts der sogenannten investigativen Journalisten so oft verlinkt wird, dass die Presse nicht mehr hinter ihn zurückfallen kann.

    BRAVO!

  2. Herzlichen DANK für diese ausgezeichnete Arbeit !!!

    Ich wünschte mir das einige Ihrer Kollegen sich auf dieses Niveau heraufschwingen könnten …

    Veröffentlichen Sie bitte weiter so gut recherchierte und sinnvolle Artikel !!!

  3. Auch von ein klares Dankeschön. Damit sollte auch jedem nicht „Bilanzguru“ einigermassen verständlich sein, dass an den Anschuldigungen nichts dran ist.

    Zu den Copy+Paste „Journalisten“ schreibe ich jetzt lieber nichts, es wäre jede Zeile zuviel.

    Im Grunde schaden sie sich nur selbst, wär soll den für diesen gesammelten Stuss Geld bezahlen? Ich lese diesen Scheiss schon lange nicht mehr, von mir gibt es Null Klicks. Informationen holt man sich direkt von der Unternehmensseite und vielleicht noch von ausgewählten anderen Quellen. Aber qualitative gute Quellen mit Mehrwert sind rar. Denke WDI wird in 2020 ein tolles Comeback haben.

  4. Dieser Artikel schafft es auch einem Laien zu erklären, warum an den Vorwürfen sehr wahrscheinlich nichts dran ist.
    Man müßte ihn mit deepl übersetzen und an McCrumm schicken. Ebenfalls sollte dieser Artikel an die Redakteure von Handelsblatt und Spiegel versendet werden die bisher negatives über WC berichtet haben.
    Danke dafür und meinen größten Respekt für die Recherche !

  5. Die Formulierung mit der öffentlichen Bekanntheit der Kontrollausübung als mitentscheidendes Kriterium gefällt mir noch nicht.(ob öffentlich oder geheim ist irrelevant) Sonst echt Top.

  6. Top! Was für eine tolle Arbeit! Das zeigt allen Lesern klar auf, was sich sogenannte Journalisten von FT und deutschen Nachäffer-Medien auf Kosten von Wirecard und deren Anlegern erlaubt haben. Die tendenziös aufgebauschten Texte sind einfach nur eine Schande für den Berufsstand.

    • In der Tat. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb es diesen Blog gibt. Fakten statt Fake News, das wollte ich erreichen.

  7. Chapeau!
    Der beste Artikel den ich seit langen gelesen habe über WDI.
    Vielen Dank für diese klasse Arbeit.

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